[Interview] Stefán (Árstídir lífsins)

Vor kurzem haben wir ein Review zum neuen Album von Árstídir lífsins online gestellt - Vápna lækjar eldr heißt die Scheibe, welche nicht nur in unserem Webzine durchweg stark und positiv bewertet wurde. Anlässlich dieser Neuveröffentlichung haben wir uns mit Bandchef Stefán unterhalten, welcher einige interessante Dinge zu berichten hatte.





Julian: Hallo Stefán! Ich hoffe dir geht es gut und du bist zufrieden mit den Reaktionen zu "Vápna lækjar eldr"?


Stefán: Hallo Julian. Mir geht es gut, danke. Bisher sind die Reaktionen samt und sonders fantastisch ausgefallen, zumindest ist mir bisher kein einziges schlechtes Review aufgefallen. Die meisten Schreiber scheinen vor allem von der Vielschichtigkeit der einzelnen Songs begeistert zu sein, was mich besonders freut.


Julian: Vor ca. zwei Jahren wurde Árstídir lífsins mit dem Debut "Jötunheima dolgferd" geboren. Du hast also nicht wirklich lange gebraucht um die zweite Scheibe in den Kasten zu bekommen. Kannst du uns etwas zum Entstehungsprozess von "Vápna lækjar eldr" erzählen? Was hat dich inspiriert, beeinflusst und letztendlich motiviert die neuen Stücke so schnell zu schreiben?


Stefán: Es war bereits zu Zeiten der Veröffentlichung des Debuts im Oktober 2010 geplant, mindestens ein weiteres Album aufzunehmen. Daher hatte ich mich zu dem Zeitpunkt bereits grob mit dem Konzept von 'Vápna lækjar eldr' auseinandergesetzt. Wirklich in Angriff genommen habe ich das zweite Album dann im Frühjahr 2011, als ich in 2 Wochen intensiver Arbeit die Gitarren und den Bass komponierte und nach Reykjavík flog, um mit Árni das Schlagzeug fertigzustellen und bereits erste Gesangsaufnahmen abzuschließen. Zurück in Deutschland nahm ich dann die Gitarren und den Bass erneut auf und fügte mit Sveinn und einigen weiteren Musikern zusätzliche Instrumente, Soundspheren, Naturgeräusche usw. hinzu. Letztendlich trafen Árni, Marsél, Georg und ich uns im Juni 2011 hier in der Nähe in einem kleinen Studio, um die Gesänge zu komponieren und direkt aufzunehmen. Dies war bereits nach etwa einer Woche fertig und Árni machte sich im Herbst daran, das Album zu mixen. Gemastert wurde es schließlich von Tom Kvålsvoll im Strype Audio Studio im Dezember 2011. Jedoch kam das Album aufgrund einiger Verspätungen im Layout und dem Druckwerk nicht vor dem 18. Mai 2012 heraus.
Inspiriert hat mich bei dem Album wie bereits bei dem Debut wohl zuvorderst die verwendete Primärliteratur (vor allem die Isländersagas und natürlich die eddischen Dichtungen wie auch die Snorra Edda und weitere Quellen). Dies hat sich insofern auch auf den Entstehungsprozess der Musik ausgeweitet als dass ich einzelne Songs an die (zumindest zu dem Zeitpunkt bereits angedachten) Texte anglich. Die relativ rasche Entstehungszeit des Albums mag verwundern, jedoch ist dies zumindest für mein Tempo, Musik und Texte zu schreiben, nicht unbedingt besonders. Wenn ich mir etwas Zeit nehme, um nichts anderes als Musik (oder eben das Schreiben) zu machen, dann kann ich mich in der Situation generell auch sehr gut entfalten und benötige glücklicherweise darüber hinaus nicht sonderlich viel Zeit zum Komponieren von Texten oder Musik.



Julian: "Vápna lækjar eldr" wurde via Ván Records in einer eleganten und aufwändig gestalteten Version veröffentlicht. Wie wichtig war es dir, das Album genau SO zu veröffentlichen? Hast du das Booklet selber designed?


Stefán: Wie bereits bei dem Debut war mir das Layout von 'Vápna lækjar eldr' sehr wichtig, da es einen integralen Teil der gesamten Veröffentlichung ausmacht. Zwar kann die Musik wie auch das Booklet alleinstehend betrachtet/gehört werden, jedoch ist ein starker Bezug zwischen beiden Teilen (optisch und audiell) zumindest von mir vorgesehen und es scheint glücklicherweise auch der Fall zu sein, dass Käufer der Alben nicht nur die Musik, sondern auch dem Layout besondere Beachtung schenken.



Artwork zum neuen Album "Vápna lækjar eldr"



Julian: Wie man im Booklet nachlesen kann, erzählt das Album die Geschichte einer Isländischen Familie die im 10. Jahrhundert lebte. Wie kamst du darauf? Gibt es bestimmte Bücher oder sonstige Quellen, an denen die Geschichte angelehnt ist?


Stefán: Nun, die Geschichte auf dem Album führt relativ konsequent die des Debuts weiter. Dies ist durchaus gewollt, da auch auf den folgenden Alben die Lebensgeschichte jener Familie weiter erzählt werden soll (im Gegensatz zu den Songs auf Splitveröffentlichungen, welche alleinstehend sind). Wenn auch die Geschichte, wie sie erzählt wird, rein fiktiv ist, so habe ich trotzdem versucht, nicht nur typische Strukturen einer Isländersaga wie etwa der Njáls saga zu involvieren (vor allem die Erzählstruktur einer Blutfehde, wie sie wohl in jeder Isländersaga vorkommt), sondern auch historische Fakten wie etwa der Alblauf eines Þings in Þingeyri, sowie Platznahmen oder gesellschaftliche Umbrüche. Außerdem habe ich wie bereits bei dem Debut vor allem auf die Verwendung von kenningar Wert gelegt, um den Texten partiell einen symbolischen, vor allem aber mythologischen Inhalt zu geben.

Julian: Wie waren die Aufnahmen zum neuen Album? Ich kann mir vorstellen, dass das ganze ziemlich komplex ist, bei der Anzahl an Musikern und Instrumenten.

Stefán: Nein, eigentlich waren die Aufnahmen weniger komplex als der Hörer vielleicht glauben mag. Sicherlich sind viele verschiedene Instrumente und Parts auf dem Album vorhanden, jedoch ließen sich diese wunderbar im Vorfeld voneinander abtrennen und somit relativ strukturiert nacheinander aufnehmen. Da alle Bandmitglieder zudem genügend erfahrene Musiker sind, die jeweils gut und gerne seit mindestens 10 Jahren Musik machen, waren die Aufnahmen trotz der Vielzahl an Instrumenten recht entspannt und einfach von der Hand gegangen.


Julian: "Vápna lækjar eldr" geht teilweise ziemlich stark noch vorne, hat aber auch wieder die ruhigen, epischen Momente wie man sie von "Jötunheima dolgferd" kennt. Wie würde dein Urteil aussehen, wenn du die beiden Alben vergleichen müsstest?


Stefán: Ich würde 'Vápna lækjar eldr' als einen direkten Nachfolger des Debuts bezeichnen, sowohl textlich als auch musikalisch. Während im Text die Geschichte weitergeführt wird (und natürlich auch neue Aspekte an Bedeutung gewinnen), so ist dies auch bei der Musik der Fall: Musikalisch ist das zweite Album vielleicht etwas direkter, kompakter als das erste Album, beinhaltet aber auf der anderen Seite ebenfalls die typischen Komponenten, die bereits auf dem Debut vorgefunden werden können.


Julian: Könntest du dir vorstellen mit Árstídir Lífsins eines Tages eine andere Thematik zu behandeln bzw. eine andere Sprache zu benutzen? Oder wird sich die Band thematisch immer an Island orientieren?


Stefán: Sicherlich werden die Texte nicht immer nur auf Island spielen, jedoch soll zumindest auf den Alben die Geschichte weitererzählt werden, wie sie auf dem Debut begonnen worden ist. Das schließt damit natürlich zumindest zeitlich eine gewisse Stringenz ein, die sich aber auch in anderen Teilen der (nordischen) Welt abspielen könnte, etwa in den turbulenten Zeiten des 10. und beginnenden 11. Jahrhunderts in Norwegen. Losgelöst von den Alben sind aber in jedem Fall die Split CDs/LPs zu sehen, die in naher und ferner Zukunft veröffentlicht werden sollen. Auf diesen werden textlich verschiedene Inhalte behandelt werden, die nichts oder nur sehr wenig mit der Handlung der Alben zu tun haben und der jeweiligen Veröffentlichung entsprechend zumindest textlich alleinstehend sind.


Julian: Woher rührt die große Faszination und das große Interesse an der Isländischen Geschichte? Gibt es noch andere Länder/Kulturen mit denen du dich so intensiv auseinander setzt wie mit Island?


Stefán: Die große Faszination wurde ohne Frage durch meine Studien in der Nordischen Philologie und der (isländischen) Kunstgeschichte des 14. Jahrhunderts geweckt. Da natürlich Island nicht historisch wie literaturgeschichtlich autark betrachtet werden kann, geht mein Kenntnisstand und Interesse über Island hinaus und schließt zumindest den gesamten nordischen Raum im Mittelalter mit ein. Nichtsdestotrotz ist es aber so, dass besonders die hoch-mittelalterliche Geschichte Islands deshalb einen solchen großen Reiz auf mich ausmacht, weil sie so ereignisreich und durch die gute Überlieferung so vergleichsweise detailliert bekannt ist. Dabei jetzt einzelne Aspekte besonders in den Vordergrund zu rücken mag an dieser Stelle aber den Rahmen sprengen und ist wohl auch nicht sonderlich interessant für den Leser, denke ich.


Julian: Inwiefern hatten deine Mitstreiter Einfluss auf die neuen Stücke? Schreibst du alles komplett alleine, oder findet man auch Input von anderen Musikern auf "Vápna lækjar eldr"?


Stefán: Nun, die Texte habe ich bisher alle alleine geschrieben, wie auch im überwiegenden Falle die Musik (mit Ausnahme der klassischen Arrangements der Violine, welche Árni auch bereits auf dem Debutalbum komponierte). Dies wird sich aber wohl auf den folgenden Aufnahmen verändern, da Árni und ich vor allem mehr klassische Arrangements mit in die Kompositionen einfließen lassen wollen. Diese würde größtenteils aus Árnis Feder kommen, da dieser klassische Musik und Komposition an der örtlichen Musikhochschule in Reykjavík studiert (der Listaháskóli Íslands) und dementsprechend bereits jetzt über ein wesentlich profunderes Wissen verfügt, als ich es tue. Ich freue mich auf diese Zusammenarbeit, da ich Árni für einen sehr talentierten Musiker halte.




Julian: Einige Leute werden sich - und das geht heutzutage wohl auch nicht mehr anders - die Platte illegal aus dem Netz gezogen haben. Was hälst du davon, und was hat der "Fan" verpasst, der sich die Songs als mp3 gezogen hat?


Stefán: Als Musiker und Komponist halte ich von der ganzen Download-Geschichte natürlich überhaupt nichts. Downloads von Blogspots usw. sind schlichtweg Diebstahl und unterstützen weder die Künstler noch die Plattenlabels, die ohnehin in diesen Zeiten einen nicht gerade rosigen (finanziellen) Stand haben. Die Idee, unsere Veröffentlichungen in einer vergleichsweise luxuriösen und untypischen Form zu veröffentlichen, hat jedoch mit den Downloads nicht direkt etwas zu tun, da das Interesse nicht vordergründig darin liegt, durch besonders stilvolle Layouts Käufer zu ködern. Ich lege eher grundsätzlich einen so großen Wert auf das Layout und überhaupt das Visuelle, dass eine herkömmliche Version, etwa eine Jewel-Case CD, nicht annähernd dem entspricht, was mit der jeweiligen Veröffentlichung ausgedrückt werden soll. Das Layout ist in meinen Augen sogar gleichwichtig wie die Musik. Dementsprechend kann natürlich ein Download niemals dem Umfang eines neuen Albums oder einer Split von Árstí ir lífsins entsprechen und sollte auch aus diesem Blickwinkel betrachtet werden. Noch einmal deutlicher: Wer nur die MP3s downloadet, verpasst nicht nur das Layout, die Texte und Rahmeninformationen usw. von einer Band wie Árstídir lífsins, sondern schadet auch der Band und dem Label massiv.


Julian: Was hast du zukünftig vor mit Árstídir lífsins? Ist schon etwas in Planung?


Stefán: Zunächst ist eine Split CD/LP mit Helrunar geplant, welche musikalisch bereits zum größten Teil aufgenommen ist. Der Song wird 'Vindsvalarmál' heißen und textlich sehr mythologisch ausgelegt sein. Musikalisch kann ich dazu derzeit noch nicht viel schreiben, gehe aber von einem Song von etwa 15–18 min. Spielzeit aus. Im Oktober werden wir im Studio E die Vocals aufnehmen, nachdem Helrunar dort „ihren“ Song aufgenommen haben, der ebenfalls etwa zwischen 8–10 min. Spielzeit haben wird. Erscheinen wird die Split dann hoffentlich noch Ende des Jahres via Prophecy Productions und Ván Records. Mit Beginn des kommenden Jahres ist dann geplant, das bisher noch unbetitelte dritte Werk von Árstí ir lífsins zu komponieren und aufzunehmen.


Julian: Bist du ein regelmäßger Konzert/Festivalgänger oder ziehst du dich diesbezüglich eher zurück?


Stefán: Ich war bis vor ein paar Jahren noch öfters auf Festivals unterwegs, halte mich jedoch mittlerweile von diesen fern, da mir der Trubel der Massen dann doch zu sehr auf die Nerven geht als dass ich die Musik und die Shows einzelner Bands genießen könnte. Trotzdem möchte ich es aber nicht ausschließen, dass ich irgendwann in der Zukunft wieder das Interesse verspüre, mal wieder auf ein Festival zu gehen.


Julian: Okay, da wir langsam zum Ende kommen, zum Schluss ein paar Blitzfragen:


Welches Album hast du zuletzt angehört?


Stefán:Da ich von Zeit zu Zeit durch die (Klassik-)Plattensammlungen meiner Mutter stöbere, habe ich mir ein älteres Vinyl des italienischen Komponisten Claudio Monteverdi (1567–1653) mit Namen Madrigali e Concerti ausgeliehen und angehört. Alte Musik (wenn auch in dem Fall bereits auf der Schwelle der Renaissance zum Barock) fasziniert mich seit jeher und mag hier und da auch einen zumindest unbewussten Einfluss auf die eigenen Kompositionen ausüben.


Welche CD hast du dir zuletzt gekauft?


Stefán: Das wahr das letzte Album von Opeth namens "Heritage". Bisher konnte ich dem Album noch nicht genügend Zeit schenken als dass ich mir eine Meinung erlauben möchte, enttäuscht hat es mich aber bisher nicht.


Welches Buch hast du zuletzt gelesen?


Stefán: Ich hatte gerade vor ein paar Wochen studienbedingt nochmals die Egils saga, sowie die Eyrbyggja saga komplett gelesen. Beides sind ohne Frage hervorragende Beispiele für die inhaltliche Vielfalt der Íslendingasögur.


Julian: Nungut Stefán, ich danke dir vielmals für deine Zeit! Ich freue mich auf weitere Werke von Árstídir lífsins und hoffe du hast noch viel Freude mit der Band - die letzten Worte gehören dir!


Stefán: Vielen Dank für das Interview.




Julian - www.ginnungagapmetal.de
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