[Interview] Alboin (Geïst)

Aufgrund eines Labelwechsels, und der Ankündigung des dritten Albums, suchte ich das Gespräch mit dem Gründungsmitglied Alboin (Bass), der Deutschen Black Metal Band Geïst. Es wird Anfang des Jahres 2009 einen zweiten Teil dieses Interviews geben, in dem es ausschließlich um die neue Scheibe "Galeere" geht.




Thyrm: Grüße dich, Alboin! Danke erstmal, dass du dir für dieses Interview Zeit genommen hast. Zu Beginn vielleicht noch kurz ein paar Worte zu eurem letzten Album "Kainsmal". Es ist euer zweites Album nach "Patina", beinhaltet sechs Stücke und wurde via Cold Dimensions veröffentlicht, soviel erstmal zu den Fakten. Wie würdest du das Album den Lesern beschreiben, welche es noch nie gehört haben?


Alboin: "Kainsmal" ist ein sehr kompaktes Album. Unser erstes Album "Patina" ließ sich mit dem Entfalten seiner Atmosphäre Zeit, die Stücke waren länger, und "Patina" enthielt auch einige Songs, die wir heute nicht mehr aufnehmen würden. "Kainsmal" ist der Gegenentwurf dazu – sechs ausgewählte Stücke, von denen wir auch heute noch vollkommen überzeugt sind, kein Intro, keine Zwischenstücke, nur 40 Minuten intensiver Musik. In demselben Geist haben wir "Kainsmal" aufgenommen – was sich beim Debüt über Monate hinzog, erledigten wir diesmal in nur fünf Tagen. Der Charakter ist unbändiger, konzentrierter, die Stimmung herbstlicher und homogener. "Kainsmal" ist kein schwarz-weißes, eher misanthropisches Album wie "Patina", sondern von der Atmosphäre her weicher, nachdenklicher, aber meiner Ansicht nach ebenso ausdrucksstark, nur auf eine ganz andere Art und Weise.


Thyrm: "Verweile, Augenblick, du bist so schön... ich will an dir zugrunde gehn!", diese Zeile aus dem Lied "Stille Wasser" findet man direkt auf der Front des Booklets gedruckt, warum gerade dieser Satz? Steht er im Zusammenhang mit dem Albumnamen (welcher ja soviel wie "Schandfleck" bedeutet) bzw. ist der Albumname überhaupt repräsentativ für das gesamte Werk, oder eben "nur" der Titeltrack?

Alboin: Ein Kainsmal ist kein Schandfleck, auch wenn das die landläufige Bedeutung ist. Liest man den Bibeltext genau und kennt man den Zusammenhang mit der altisraelischen Rechtssprechung, ist das Kainsmal für Kain in erster Linie ein Zeichen des Schutzes vor der Rache seiner Mitmenschen, das Gott ihm gab, damit ihn niemand töten sollte. Erst in zweiter Linie weist es ihn als Mörder aus – aber er soll mit dieser Schuld auch leben und sich dafür verantworten müssen.
Das Zitat aus "Stille Wasser" hängt damit nicht unbedingt zusammen. Es drückt eher ein Gefühl aus, das mich zum Zeitpunkt des Albums sehr beherrscht hat, nämlich die unglaubliche Gewalt der Schönheit mancher Augenblicke, der ich mich oft nicht gewachsen gefühlt habe. Trotzdem ist dieser Satz, genauso wie das Stück "Stille Wasser" und auch das Titelstück, für das Album repräsentativ. Das ist es, was ich mit der "Kompaktheit" meine – es gibt keine Elemente darauf, die nicht für das ganze Album stehen könnten.


Thyrm: In einem anderen Interview von dir habe ich gelesen, dass du die Musik eurer deutschen Kollegen Lunar Aurora sehr schätzt. Nun ist sie ja der euren recht ähnlich. Würdest du mir zustimmen, wenn ich sage, man könnte euch, Lunar Aurora oder beispielsweise auch Farsot, in eine eigene kleine Schublade im deutschen Black Metal stecken? Immerhin grenzt ihr euch vor allem textlich von dem größten Teil der "Szene" ab.

Alboin: Lunar Aurora sind die erste deutsche Black-Metal-Band, mit der ich in Berührung gekommen bin, und ich habe sie in der Tat immer für ihre Intensität geschätzt, das ist richtig. Dennoch denke ich, dass wir vollkommen verschiedene Herangehensweisen an unsere Musik haben, was auch für alle weiteren "anspruchsvollen" Bands dieses Stils, wie Secrets of the Moon, die genannten Farsot, Nocte Obducta, Grabnebelfürsten usw. gilt. Ich glaube eher, dass sich alle diese Bands in der Hinsicht ähneln, dass sie neue Elemente in ihre Musik einbauen, neue Wege beschreiten wollen, über sich hinaus wachsen und sich nicht von konservativen Black-Metal-Werten daran hindern lassen möchten. Dennoch ist die Musik und sind die Texte, die am Ende dabei herauskommen, meiner Ansicht nach völlig verschieden, und das ist auch gut so.

Thyrm: "Satan!", das ist wohl das Erste, woran die meisten Menschen bei dem Schlagwort "Black Metal" denken. Wie oben schon angesprochen, ist diese Thematik bei euch überhaupt nicht zu finden. Was hältst du von den zahlreichen "satanistischen" Bands, und was bedeutet Satanismus für dich persönlich?

Alboin: Für mich ist Satanismus im Black Metal ein Image, so wie ohnehin ein Großteil dessen, was Black Metal ausmacht, heutzutage ein Image ist. Sicherlich gibt es Bands, die es mit dem Black Metal als Lebensstil sehr ernst meinen, und genauso gibt es Black-Metal-Musiker, die praktizierende Satanisten sind. Das sind aber die Wenigsten.
Ich gönne jedem Menschen, auf seine Art und Weise glücklich zu werden, auch wenn ich mit Satanismus und den allermeisten anderen Religionen absolut nichts anfangen kann. Wenn diese Menschen so stark und selbstständig wären, wie sie es immer von sich behaupten, bräuchten sie keine Religion, auch keinen Satanismus. Ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass alle religiösen Menschen sich an ihren Glauben klammern, aus gewissen Ängsten oder Erfahrungen heraus – wobei ich das nicht schlecht finde. Ich möchte ja auch nicht, dass andere Menschen mir vorschreiben, was ich zu glauben oder zu tun habe.


Thyrm: Kein Satanismus, keine heidnischen Thematiken, welche ja zurzeit boomen in der Szene wie nichts Gutes - ihr geht euren eigenen Weg. Doch welcher Grundgedanke steckt hinter [I]Geïst, bzw. was wollt ihr den Hörern in erster Linie vermitteln?[/I]

Alboin: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, der Grundgedanke ist, meine Enttäuschung über die Schlechtigkeit des Menschen auszudrücken. Sicherlich, um an die Antwort von eben anzuknüpfen, kompensiere ich damit auch bestimmte Erfahrungen, aber eben nicht in einer Religion. Texte und Musik von Geïst entstehen aus einem bestimmten Gefühl heraus, einer Atmosphäre, der ich in mir nachspüren und die ich beschreiben kann, wenn ich mich darauf konzentriere. Ich mache mir wenig Gedanken darum, was ich damit vermitteln möchte, denn dann wäre die ganze Musik verkopft und rational, und dann führt sie sich selbst ad absurdum. Die Musik und die Texte sind, wie ein bestimmter Teil von mir ist – und der ist eben weder satanisch noch heidnisch noch okkult, sondern einfach enttäuscht und nachdenklich.


Thyrm: Vor kurzem habt ihr bei dem recht bekannten Label Prophecy Productions/Lupus Lounge unterschrieben, "Kainsmal" wurde ja noch über Cold Dimensions veröffentlicht. Warum der Wechsel, und wie kam der Kontakt zu Prophecy Productions zustande? Lag es auch an den restlichen Bands die bereits dort unter Vertrag stehen?


Alboin: Cold Dimensions haben sich nach der Veröffentlichung von "Kainsmal" von uns getrennt, weil wir einfach verschiedene Sichtweisen haben und Dinge anders angehen. Es gibt deswegen kein böses Blut zwischen uns, aber diese Zusammenarbeit wäre auf Dauer nicht besonders glücklich gewesen.
Wir haben uns danach Zeit gelassen mit neuem Material und der Labelsuche. Zwar kamen regelmäßig Angebote von Labels, aber wir wollten noch abwarten und uns erst entscheiden, wenn wir die Ziele für das nächste Album kannten. Vor einigen Monaten haben wir eine Vorproduktion zu drei Stücken des nächsten Albums gestartet und uns damit gezielt bei Prophecy Productions beworben, woraufhin sie uns einen Vertrag anboten. Sicherlich haben auch die anderen Bands dieses Labels und das gesamte Umfeld eine wichtige Rolle bei der Auswahl dieses Labels gespielt. Ich denke, wir passen sehr gut dorthin.



Thyrm: Über euer neues Label werdet ihr im Herbst 2009 "Patina" und auch "Kainsmal" nochmal neu veröffentlichen, kannst du uns etwas über die erste Scheibe erzählen? Ich persönlich besitze sie leider nicht (mehr), nur den Song "Winters Schwingenschlag", welches meiner Meinung nach eines eurer besten Stücke ist. Wie ich finde, unterscheidet er sich musikalisch doch ein wenig von den Liedern von "Kainsmal. Kann man das für den Rest des Albums so unterschreiben?

Alboin: Ja, auf jeden Fall. "Patina" ist in einer sehr turbulenten und anstrengenden Zeit entstanden, und ein Teil des Albums geht noch auf die Zeit von EISMALSOTT zurück, was eine Art Vorgängerband von Geïst war. Einige Texte und auch einen Teil der Musik hat Aínvar, der Gründer und Gitarrist von EISMALSOTT, zu "Patina" beigesteuert. Es ist ein sehr obskures, abgründiges Album, voll von dem Enthusiasmus, ein erstes Album aufzunehmen, und auch beseelt mit einer gewissen Naivität, die einer jungen Band meist eigen ist. Gerade das macht das Album aber aus, es ist vollkommen natürlich und ehrlich so entstanden, wie es klingt. Nur aus diesem Gefühl heraus kann ein Stück wie "Winters Schwingenschlag" entstehen – ich muss Dir zustimmen, es ist bis jetzt unser vielleicht intensivstes Stück. Ich denke jedoch, dass wir diese Intensität auch auf "Galeere", dem dritten Album, werden ausdrücken können.

Thyrm: Vielleicht noch ein paar Worte zu den etwas unschöneren Themen. Auf eurer Myspace-Seite gebt ihr klar zu erkennen, was ihr von der zurzeit wachsenden "NSBM"-Bewegung haltet. Was kannst du uns zu diesem Thema sagen? Was kann oder sollte eine (Black-)Metal- Band wie ihr tun, um diesem Mist entgegen zuwirken? Ist das Ganze überhaupt noch aufzuhalten?


Alboin: NSBM ist die Pest. Mir ist egal, wie menschenverachtend einige Musiker Black Metal empfinden, aber alles hat seine Grenzen. NSBM ist die vollendete Geschmacklosigkeit, das Ende jeden Anspruchs, jeder geistigen Freiheit und verkörpert alles, was ich verachte und ist damit ein weiterer Grund, mit Geïst Musik zu machen. Ich denke, ich muss keinem klar denkenden Menschen erklären, wieso dieser musikalische und geistige Abschaum missachtenswert ist.
Ich kann und will niemandem vorschreiben, was er oder sie zu tun und zu lassen hat. Black Metal ist als freigeistige Bewegung gedacht, und jeder muss selbst entscheiden, was es gegen NSBM zu tun gibt. Wir jedenfalls bringen dieser Sache absolut null Toleranz entgegen, unterstützen keine Bands dieses Lagers durch Erwähnungen oder Verlinkungen, möchten keine Konzerte mit ihnen spielen, können mit größtem Vergnügen auf ihr Publikum und jede Unterstützung aus dieser Ecke verzichten, und ich versuche, uns bei jeder Gelegenheit explizit dazu zu positionieren.
Ich denke schon, dass zumindest eine Infiltration der ehrlichen und unpolitischen Black-Metal-Szene durch diese Verdummungskampagne aufzuhalten ist. Wir möchten zumindest nicht, nur weil wir musikalisch dem Black Metal nahe stehen, jemals mit NSBM in Verbindung gebracht werden, weshalb meiner Ansicht nach eine klare Abgrenzung nötig ist. Dass es weiterhin NSBM und die dazugehörige Szene geben wird, ist wohl nicht zu ändern – nur darf man ihr keinen Raum und kein Forum bieten und muss sie so gut es geht isolieren. Das ist ja etwas, was glücklicherweise auf Festivals und Konzerten oft schon geschieht. Ich denke, das ist der richtige Weg.

Thyrm: Zuletzt noch ein paar Worte zu eurem nächsten Album. Es wird "Galeere" heißen, und über Prophecy Productions veröffentlicht. Im Dezember beginnt ihr mit den Aufnahmen, das Cover wirkt durch seine dunkle Atmosphäre doch schon recht viel versprechend. Was kannst du uns zu diesem Zeitpunkt schon zu dem neuen Album sagen?

Alboin: Noch nicht viel, weil wir noch an dem Material, auch am Coverartwork, arbeiten. In jedem Fall bin ich mir aber sicher, dass wir das aufregendste Album unserer Bandgeschichte vor uns haben, mit dem dynamischsten und atmosphärischsten Songmaterial bis jetzt. Ich denke, "Galeere" ist erkennbar ein Geïst -Album, nimmt aber auch neue Elemente auf, während es alte fortführt und in neue Regionen führt.

Thyrm: Das wars fürs erste, danke dir nochmals für das Beantworten der Fragen! Zu eurem neuen Longplayer "Galeere" werden wir dich, wenn es so weit ist, nochmals ausquetschen! Die letzten Worte gehören dir.

Alboin: Vielen Dank. Ich denke, mehr zum neuen Album gibt es auch erst zu erzählen, wenn wir die Arbeiten daran abgeschlossen haben. Ich denke, das wird im Januar kommenden Jahres der Fall sein. Für Neuigkeiten verweise ich auf www.the-geist-reich.de
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